Mein systemisches Konzept betrachtet sowohl den einzelnen Menschen
als auch sein Beziehungsgeflecht als ein System. In diesen individuellen
und sozialen Systemen nutzt jeder Mensch seine Möglichkeiten um seine
Erfahrungen und Gefühle sinnvoll zu ordnen.
Menschen befinden sich ständig in diesem Ordnungs-Prozess, sie geben ihrem
Erleben Strukturen und Bedeutungen. Auf diese Weise entsteht eine persönliche
Ordnung, eine ganz persönliche "Landkarte" von dem "Gelände da draußen".
Gleichzeitig sind Menschen Mitglieder in verschiedenen sozialen Systemen,
z. B. in einem Team, mit Führungskräften, mit Klient(inn)en oder
Patient(inn)en, mit Kund(inn)en oder in privaten Kontakten.
In diesen Interaktionen treffen verschiedene Arten, die Welt zu ordnen,
aufeinander. Diese Unterschiede in den "Landkarten" können verschiedene
Wirkungen haben, zum Beispiel:
Die Unterschiede können förderlich sein, etwa als "interessante
andere Sicht" des Gesprächspartners.
Die Unterschiede können hinderlich sein, etwa: "Du siehst das
falsch, ich sehe es objektiv richtig."
Es kann sein, dass die Unterschiede nicht bewusst sind, aber durchaus
Wirkungen haben: Jeder denkt vielleicht von den Anderen, alle meinen
mit "gute Zusammenarbeit" dasselbe. Aber einige meinen damit
"wenig Konflikte", andere "viele erfrischende Streitereien".
Das Interesse an Supervision kann unterschiedliche Gründe haben und
verschiedene soziale Systeme betreffen, z. B.:
im Zusammenhang mit der Arbeit mit Klient(inn)en/Kund(inn)en wünscht
man sich Anregung, Unterstützung, Weiterbildung oder Hilfe: Fall-Supervision, Fall-Beratung
einzelne Teammitglieder bzw. ein ganzes Team ist daran interessiert,
die persönlichen und beruflichen Beziehungen der Teammitglieder
untereinander zu klären und wenn möglich zu verbessern: Team-Supervision, Team-Entwicklung
In beiden Fällen geht es darum, ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen
den persönlichen Landkarten der Beteiligten (= individuelle Systeme)
und der Interaktion und Kommunikation über bzw. mit diesen Landkarten
(= soziale Systeme).
Wie kann dieses neue Gleichgewicht entstehen?
Mein systemisches Konzept sieht sowohl den Supervisor als auch die
Teammitglieder (und auch alle anderen Menschen) als handelnde Subjekte.
Gemeinsam werden förderliche Bedingungen gestaltet, die den erwünschten
Wandel ermöglichen können.
Abzugrenzen ist diese systemische Sicht von anderen Vorstellungen, die
nur den Supervisor als Subjekt betrachten, die Teammitglieder dagegen
als zu behandelnde Objekte. Diese Vorstellung einer "wahren Landkarte"
des Supervisors entwertet die persönlichen Erfahrungen von Menschen -
Erfahrungen, die der Supervisor so nicht gemacht hat - und kann leicht
dazu führen, diese Menschen zu pathologisieren. Außerdem sind "wahre
Landkarten" ideologieverdächtig. Egal, ob die "Über-Landkarte" die
Überschrift trägt "system-therapeutisch", "psychoanalytisch",
"gestalt-therapeutisch", "psychodramatisch", "klientenzentriert"
oder wie auch immer.
"Systemische Supervision" ist aus diesem Grund also ein
schulen-übergreifender und interdisziplinärer Ansatz.
Es geht mir als systemischer Supervisor darum, eine "andere" Sicht
anzubieten, die einen erwünschten Wandel ermöglicht, es geht nicht
um eine "bessere" Sicht.
Eine Hauptaufgabe des systemischen Supervisors besteht darin, respektvoll
neugierig nach anderen möglichen Landkarten zu fragen,
beispielsweise:
"Welche Nachteile fallen Ihnen ein, wenn Sie es erreicht haben,
als Team wieder richtig gut zusammenzuarbeiten?" -
Es geht also um das Finden von möglichen sinnvollen Unterschieden zu
den gegenwärtigen Landkarten, also zu den gegenwärtigen Beschreibungen,
Erklärungen, Bewertungen, Verhaltensweisen. Diese Unterschiede können
eine Außenperspektive zur eigenen Sicht unterstützen und damit die
Wahlmöglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns erhöhen. Und zwar
in den sozialen wie in den individuellen Systemen, in denen man lebt.
Entwickelt werden sogenannte "Unterschiede, die Unterschiede
machen". Denn diese Unterschiede fördern die Wahlmöglichkeiten des Denkens,
Fühlens und Handelns. Dies sind dann die Möglichkeiten, den gewünschten
Wandel zu erreichen, also Lösungen umzusetzen.